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Deutsche
Sufi-Schule

Nichtdualität

Verzicht auf Verobjektivierung

Der Geist, der davor zurückgehalten wird, das vielfältige Universum zu sehen, wird zum Bewußtsein des Selbst.
Das ist die Sicht der wahren Weisheit.


Das Bewußtsein des Selbst ist nicht von einem der Sinne abhängig, aber alle Sinne sind vom Bewußtsein des Selbst abhängig. Die Verweigerung, das vielfältige Universum zu sehen, wird brahmacharya genannt.

Sobald du aus den »Dingen« ein Objekt machst, verleugnest du das Selbst. Dies ist das Problem des menschlichen Zustandes. Brahmacharya ist das wirkungsvolle Gegenmittel.

Wenn brahmacharya gepflegt wird, werden die Sinne Kanäle für das Selbst, anstatt Sklaven der objektiven Umgebung zu sein. Die Haltung »Ich tue das« verschwindet. Der Verleugnung des Selbst wird durch die offenkundige Wahrheit von brahmacharya entgegengewirkt. Das wirksamste Mittel, brahmacharya zu erlangen, ist, den Weg der Selbst-Ergründung einzuschlagen. (...) Jetzt wird dein Leben spontan. Das Universum wird als das wahrgenommen, was es ist.

»Da die Befreiung dem Geist zugesichert ist, der sich nicht den Objekten hingibt, sollte der Geist dessen, der nach Befreiung strebt, ständig von aller Anhaftung an Objekte frei gehalten werden.«

Ramana Maharshi: Die Quintessenz der spirituellen Unterweisung (Upadesa Saram), Vers 16

Die Verbindung von Zeit und Person

Wir sollten uns klar machen, was 'Zeit' ist; es ist keine unabhängige Objektivierung, sondern ein essentieller Bestandteil der Objektivierung unseres scheinbaren 'Selbst'. Die Ich-Beseitigung ist als eigenständiger Vorgang unzureichend, denn wenn nur das Ego-Konzept verschwindet, kann das Zeit-Konzept bestehen bleiben, wohingegen im Falle des Verschwindens des Zeit-als-Objekt-Konzepts das Ego-Konzept mit ihm vergeht, da ihm die Zeit Bestand verleiht.
(...)
Wenn Zeitlichkeit, statt etwas Objektives und vom Wahrnehmen Unabhängiges zu sein, ein der Wahrnehmung innewohnendes Element und somit subjektiv ist, dann gewinnen wir jene vollständige Gelassenheit wieder, die unser zeitloser und natürlicher Zustand ist; sie tritt an die Stelle unserer ganzen Misere, die von unserer vermeintlichen Gebundenheit an die Zeitlichkeit ausgeht.

Wei Wu Wei: Nachrufe

Wer/was du bist und wer/was du nicht bist

Die Menschen, auch intelligente, lachen über die Idee, daß es so etwas wie ein Selbst nicht gebe, während das für uns ganz offensichtlich ist. Warum ist das so?
Es liegt daran, daß sie konditioniert sind, sich selbst als Objekt vorzustellen, und alle Objekte scheinen zu existieren.
Warum können sie nicht sehen, daß das Selbst kein Objekt sein könnte?
Das hieße, nach innen zu schauen, und sie sind nur darauf konditioniert, nach außen zu sehen.

Kann sich das Subjekt wirklich nicht selbst erkennen?
Was immer wahrgenommen wird, was auch immer gedacht wird, ist ein Objekt. Um dein Selbst wahrnehmen oder erkennen zu können, müßtest du ein Objekt sein. Beim Denken, Wahrnehmen, Erkennen bist du das Denken, Wahrnehmen, Erkennen – und kein objektives Bild im Geist.
Du meinst, man kann – zum Beispiel – nicht über das Selbst reden, weil es das ist, was spricht, oder darüber denken, weil es das Selbst ist, was den Gedanken denkt; noch kann man das Selbst sehen, weil es unweigerlich das ist, was schaut; noch kann es ein Objekt der Erkenntnis sein, weil es selbst das ist, was erkennt?
Das Selbst kann nicht als Gedanke erscheinen, denn 'es' ist das, was diesen Gedanken denkt. Wie könnte es ein 'Selbst' geben, das immer ein Objekt sein müßte? Ist solch ein 'Ding' nicht undenkbar? Wie sollte das möglich sein? Ein Objekt kann nicht sein eigenes Subjekt sein!
Du meinst, daß es nie ein Selbst gegeben hat?
Niemals. Nie war es, ist es und wird es sein. Es ist eine völlige Unmöglichkeit, ein absurder Widerspruch in sich.
Aber kann ich nicht beides sein?
Beides, Subjekt und Objekt?
Ja, eins nach dem anderen.
Sie wären dann zwei getrennte und aufeinanderfolgende Objekte. Es gibt keine Abfolge außer in der illusorischen 'Zeit'. Was wir sind, ist nicht derart begrenzt. Nur eine Vorstellung ist dualistisch gebunden. Was wir sind, ist keine Vorstellung, das ist nur ein Zustand, der zur Erscheinung gehört.
Aber kann ich nicht dein Selbst sehen, und du meins?
Wirklich nicht. Alles, was jeder von uns sehen kann, muß zwingend ein Objekt sein. 'Selbst' ist das, was schaut, nicht was gesehen wird. Und 'Selbst' ist singulär, kein Plural.
Du meinst, daß Selbst immer Subjekt bleibt?
Es gibt kein Selbst, das 'bleiben' kann. Es gibt nur ein Wirken: Auch wenn es ein Wirken in anderer Form gäbe, wäre das kein Selbst. Der Begriff hat keine andere Bedeutung.

Was ist dann das Subjekt des Objekts, mit dem ich mich verwechselt habe?
Wieso, natürlich Selbst. Es gibt kein anderes Subjekt. Immer und überall. Einfach nur Selbst – groß geschrieben in Übersetzungen aus dem Sanskrit.
Dasselbe gilt für dich, mich und ...
Den Käfer. Ja klar. Es gibt nur eins, und 'es' ist nicht 'jemand'.
Was um alles in der Welt kann 'es' dann sein?
'Es' ist nicht in der Welt; 'es' produziert die Welt durch 'sein' Wirken. 'Es' ist alles, was wir alle sind, jemals waren und für immer sein werden.
Das bedeutet, daß 'es' ewig währt?
Es gibt kein 'es', das ewig oder nicht ewig, zeitlich oder nicht-zeitlich, endlich oder unendlich ist. Aber was das ist, ist genau das, was 'es' ist.
Und was wir sind?
Was 'es' ist – sind wir. Was könnten wir sonst sein?
Aber das ist kein 'Ding'!
Kein 'Ding', gleich welcher Art – denn kein 'Ding' gab es, gibt es oder wird es je geben.
Wie können wir da sicher sein?
Weil es weder Zeit noch Raum gibt, außer als Entfaltung von Bildern im Geist.
Bilder wovon?
Bilder von dem, was wir als Selbst sind, objektiviert als das, was wir zu sein scheinen und konditioniert sind zu glauben, das es ist, was wir als 'uns selbst' bezeichnen und alles ist, was wir erkennen.

Wei Wu Wei: Der zehnte Mann

Erwachen

Im täglichen "Leben" sind die scheinbar "anderen" Lebewesen, die dieselben Phänomene synchron in derselben scheinbaren Zeit wahrnehmen wie wir, selbst auch Phänomene, ob sie sich wechselseitig wahrnehmen oder nicht. Aber es gibt nichts als das Wahrnehmen, so wie es in einem Traum nichts als das Träumen gibt. Wenn der Träumer erwacht, endet das Träumen, und es stellt sich nicht die Frage, ob die "Wesen" oder andere Phänomene des Traums mit ihren Traumaktivitäten fortfahren oder ebenfalls aufgewacht sind.

Und so macht sich der Erwachte im täglichen Leben keine Gedanken, ob seine bisherigen Gefährten seines "Lebens"-Traums nun erwacht sind oder ihren eigenen "Lebens"-Traum weiterführen, denn er weiß jetzt, daß weder sie noch er selbst etwas anderes waren als phänomenale Objekte des vermeintlichen Träumers. In beiden Fällen ist die scheinbare Realität des geträumten Geschehens für immer verschwunden.

Wenn es sich um die zweite Stufe des Träumens handelt, ist dies für jeden offensichtlich, denn wir waren der vermeintliche Träumer und sind jetzt aufgewacht, aber auf der ersten Stufe oder dem "Lebens"-Traum, der in seinem Wesen identisch ist, haben wir Schwierigkeiten, das zu erkennen, denn wir sind noch Teilnehmer unseres Traums und als solche nicht gewahr, daß wir geträumt werden.

Wir haben jedoch auf dieser ersten Stufe, dem "Lebens"-Traum, die Möglichkeit, dessen gewahr zu werden. Jeder von uns kann erkennen, daß er nicht die scheinbare Wesenheit in seinem eigenen Traum ist, die er zu sein glaubte, sondern der scheinbare Träumer seines eigenen Traums. Diese Erkenntnis wird ebenfalls "Erwachen" genannt. Aber er kann nicht die "anderen" in seinem Traum zum Erwachen bringen, denn sie waren nur seine Objekte und ebenso wenig eigenständigen Entitäten, wie er es in dem Traum war.

Daher kann jeder Träumer nur aus seinem eigenen Traum erwachen, aus dem Traum, an dem er selbst als "er selbst" teilgenommen hat. Denn auch wenn Freunde aus seinem "Leben" in seinem Traum erschienen, dann nur als seine Objekte, indem er sie zu seinen Vorstellungen machte. "Andere" sind daher nur unsere Objekte. So wie wir sie kennen, sind sie nicht etwa eigenständige Entitäten, und nur scheinbar – das heißt, aus unserer subjektiven Sicht, ist jeder von ihnen Träumer seines eigenen Traums.

Ist er erwacht, sieht jeder Träumer, daß er das scheinbare Subjekt aller Objekte in seinem ehemaligen Traum des "Lebens" war, aber damit ist er weiterhin keine Wesenheit – denn er existiert nicht länger als ein Objekt, außer im Traum des "Lebens" der "anderen". Er ist die reine nichtbedingte Subjektivität, die ihn träumte, ebenso wie alle anderen scheinbaren Lebewesen geträumt werden, und deren scheinbares Empfindungsvermögen ist dieselbe nichtbedingte Subjektivität.

Wenn der Geträumte aus seinem Schlaftraum aufwacht, war er niemals der Träumer, sondern wird selbst noch immer geträumt. Es hat überhaupt niemals einen Träumer gegeben. Es gibt nur das Phänomen des Träumens. Das also ist der Traum des "Lebens", das bedeutet: ein Objektivierungsvorgang im Geist, in dem die scheinbaren Entitäten keine sind und dessen Träumer niemals als ein Objekt existiert hat und niemals selbst ein eigenständiges Objekt sein kann – denn ein solches "Ding" könnte es niemals geben.

Wei Wu Wei: Die einfache Erkenntnis

Praktische Selbstergründung

Wenn du die verschiedenen Seinszustände [von Wachen, Traum und Tiefschlaf] untersucht und diesen Zustand der höchsten Realität mit dem Bewußtsein fest ergriffen hast, dann spiele deine Rolle in der Welt, oh Held. Du kennst die Wahrheit, die im Herzen aller Arten von Erscheinungen wohnt. Ohne dich jemals von dieser Wirklichkeit abzuwenden, spiele deine Rolle in der Welt, oh Held, als ob du sie lieben würdest.

Wie lange sollte man Ergründung üben?
Solange es Eindrücke von Objekten im Verstand gibt, ist die Ergründung 'Wer bin ich?' nötig. Sobald Gedanken auftauchen, sollten sie durch Ergründung hier und jetzt am Ort ihres Entstehens vernichtet werden.

Wenn man ununterbrochen bei der Kontemplation des Selbst seine Zuflucht nimmt, bis man das Selbst gewinnt, genügt das allein schon. Solange es Feinde in der Festung gibt, kommen sie weiterhin heraus. Werden sie vernichtet, sobald sie sich zeigen, wird die Festung in unsere Hände fallen.

Aufgrund des Schlafs und des Denkens verliert der Verstand immer seine Schärfe, seine Torheit nimmt zu, und er wird zerstörerisch. Erwecke diesen Geist mit Anstrengung, gestatte ihm nicht umherzuwandern, und festige ihn im Zustand des Selbst. Übe das beharrlich, indem du den Geist immer und immer wieder in seinem natürlichen Zustand festmachst.

Wenn der Geist einmal beständig geworden ist, sollte er nicht mehr beunruhigt werden. Es gibt nicht die geringste Notwendigkeit, an etwas anderes zu denken und Zweifel zu unterhalten. Festige den Geist in diesem Zustand (des Selbstgewahrseins) und halte ihn still.

Entziehe dem Verstand, der sich immer an irgendeinen Halt klammert (an die Sinnesobjekte), diesen Halt. Mache den Verstand, der rastlos ist, weil er sich an äußeren Dinge festhält, bewegungslos, und störe diese Stille nicht im geringsten.

Mit der üblichen mentalen Disziplin von Konzentration (als Bemühung) hat das nichts zu tun. Ebenso funktioniert es nicht, den Verstandesprozeß einfach nur zu lassen, wie er ist, und dann darauf zu warten, von ihm frei zu werden. Es ist eher, wie oben beschrieben, das Erkennen der "zweiten Identität" und das Verbleiben in diesem Zustand. Die "erste Identität" hingegen ist ein niedrigerer Zustand, so wie ein Süchtiger oder ein gewalttätiger Mensch sich zu etwas werden läßt, was ihm nicht gut tut und ihn verstrickt. (Einfaches, von mir gerne benutztes Beispiel: Niemand wird gezwungen, einen Fernseher einzuschalten und sich damit zu beschäftigen. Man braucht weder Disziplin noch Willensanstrengung, um den Fernseher loszuwerden, sondern es reicht, zu verstehen, was passiert, wenn man sich mit so etwas selbst herabwürdigt.) Die auf der entgegengesetzten Seite der Willensrechtfertigung benutzte Ausrede, alles geschehe ohnehin und es würde ausreichen, dann einfach bewußt mitzuerleben, wie man dem niedrigen Zustand nachgibt, ist genauso falsch.

Ich erkenne jetzt nicht nur immer deutlicher, sondern erlebe es auch — etwa heute — direkt und am eigenen Leib, in der eigenen Befindlichkeit, auf welcher Ebene die Veränderung eintritt. Ich erlebe nämlich äußerlich genau dasselbe. Was erlebt wird, läuft weiterhin ab, und es geht nicht darum, daran herumzumodeln. Sondern es ist, als würde ich auf einer Stufe darunter wieder mehr mit der Realität (oder dem Sein, der Wirklichkeit, oder wie man das nennen will) in Berührung kommen. Beispiel: Habe ich vorher eine Alltagssituation erlebt, in der ich zwar alles wahrgenommen habe, aber in der mein Verstand alles Wahrgenommene durch einen ständigen Ansturm von Assoziationen, Gedanken und Reflexionen überlagert und übertönt hat, so treten nun, in derselben Situation und mit genau denselben Wahrnehmungen, die realen Eindrücke stärker hervor. Und zwar Eindrücke, die — vom normalen Denken her beurteilt — meistens ziemlich unwichtig und banal erscheinen. Aber gerade diese untere Ebene von Faktizität verändert alles. Es ist die nicht vom Verstand zu begreifende Veränderung. So wie wenn man den Ton höher drehen oder die Farben schärfer betonen würde. Das wirkt dann zuerst eher störend statt hilfreich. Es wird weniger als interessant, sondern eher als lästig und fordernd empfunden. Es paßt nicht in die bisherigen Gewohnheiten und konterkariert Erwartungen. Aber gerade diese neue Art Qualität ist es, um die es geht.

Wenn der Geist einschläft, wecke ihn auf. Wenn er beginnt umherzuwandern, mache ihn still. Wenn du den Zustand erreichst, in dem es weder Schlaf noch Bewegung des Geistes gibt, bleibe still in diesem natürlichen (wirklichen) Zustand.

Der Zustand, in dem der Geist jeden Halts beraubt ist, der immer rein und makellos ist und frei von weltlichen Anhaftungen, ist das Wesen der Befreiung, das man durch Erkenntnis erlangt. Behalte das fest im Gedächtnis.

Befreiung

Auszüge aus der Textsammlung "Wer bin ich?" von Ramana Maharshi. Es wird eine andere, zur aktuellen Situation besser passende Reihenfolge gewählt. Außerdem wird statt des Begriffs "Geist" der Begriff "Verstand" verwendet, weil es sonst zu Mißverständnissen kommt. ("Geist" ist u.a. im Zen ein Hauptbegriff; dieser wird dort aber zumeist synonym mit "Bewußtsein" benutzt.)

Wann erlangt man die Verwirklichung des Selbst?
Wenn die Welt, die das ist, was man sieht, beseitigt worden ist, dann wird das Selbst verwirklicht, das der Seher ist.
Gibt es keine Verwirklichung des Selbst, solange die Welt noch da ist (und für wirklich gehalten wird)?
Nein.
Warum nicht?
Der Seher und das gesehene Objekt sind wie das Seil und die Schlange. Wie man das Seil, das die Grundlage (für diese Täuschung) ist, nicht erkennt, solange die illusorische Schlange nicht verschwunden ist, so wird die Verwirklichung des Selbst, das die Grundlage ist, nicht erlangt, solange der Glaube, daß die Welt wirklich ist, nicht beseitigt worden ist.
Wann wird die Welt, die das gesehene Objekt ist, beseitigt?
Wenn der Verstand, der die Ursache von aller Wahrnehmung und allem Handeln ist, still wird, verschwindet die Welt.1
Die zurückbleibenden Eindrücke (Gedanken) von Objekten tauchen endlos auf wie die Wellen im Meer. Wann werden sie alle vernichtet?
Wenn die Meditation über das Selbst immer intensiver wird, werden die Gedanken vernichtet.
Was ist Nicht-Anhaftung?
Wenn man Gedanken, sobald sie auftauchen, am Ort ihres Entstehens völlig vernichtet, ohne daß etwas davon übrig bleibt, ist das Nicht-Anhaftung. Genauso wie der Perlentaucher sich einen Stein um die Taille bindet, sich auf den Meeresgrund sinken läßt und dort die Perlen holt, sollte jeder von uns ohne Anhaftung sein, tief in sich selbst hineintauchen und die Perle des Selbst erwerben.
Ist es für jemanden, der sich nach Befreiung sehnt, nötig, die Natur der tattvas (Kategorien der phänomenalen und geistigen Welt) zu erforschen?
Wie jemand, der den Müll wegwerfen will, ihn nicht zu analysieren und zu sehen braucht, was er beinhaltet, so braucht jemand, der das Selbst kennen will, nicht die Anzahl der Kategorien zu zählen oder ihre Eigenschaften zu untersuchen. Er muß alle Kategorien, die das Selbst verbergen, völlig zurückweisen. Er sollte die Welt wie einen Traum betrachten.
Was ist Befreiung?
Die Ergründung des Wesens unseres Ichs, das gebunden ist, sowie die Erkenntnis des eigenen wahren Wesens ist Befreiung.

Durch diese so einfachen und doch bis auf den Grund der Existenz führenden Erklärungen wird vieles klarer, ganz wie wenn ein innerer Nebel weggeblasen würde. Die Plage des verselbständigten, monoton und hartnäckig ablaufenden Verstandesprozesses ist nichts, mit dem man sich abfinden sollte oder müßte. Er ist nicht Nebenaspekt des Alles-Geschieht, sondern Indiz der weiterhin, trotz einmaliger Einsicht, bestehenden Täuschung.

Die Beschäftigung mit den Dingen des Alltags, und vor allem mit gesellschaftlichen, zwischenmenschlichen und psychologischen Fragen erscheint nun auch in einem völlig anderen Licht. Im Gegensatz zu der alltagsüblichen Einstellung gibt es hier nichts zu lösen, außer der eigenen wahnhaften Verstrickung darin.2

Das Selbst und die Erscheinungswelt

Besser als hier wird man die Essenz schwerlich irgendwo anders ausgedrückt finden:

Die Erscheinungswelt ist ein konditionierter Zustand des ewigen Bewußtseins. Sie entsteht und ist vergänglich. Unvergänglich ist das Eine, worin die Erfahrung von Sein und Nichtsein erscheint.

Das Selbst, frei von Zerstreuung, Sorgen und Fehlern, ist nicht irgendwo in der Ferne. Es ist alldurchdringend und immer gegenwärtig.

Durch bloßes Auflösen der Illusion, durch reines Zulassen, erscheint die klare Erkenntnis, wie die Sonne durch die Wolken bricht, und alle Sorgen vergehen.

Jede Erscheinung ist eine Bewegung des Geistes. Das Selbst ist ewig frei, unbewegt und unvergänglich. (...)

Wo ist Illusion, wo die Welt, wo die Gedanken daran, und wo ist Befreiung davon für die große Seele, die ihre Ruhe im Ziel aller Wünsche gefunden hat? (...)

Wer Zufriedenheit im Selbst gefunden hat, wessen Geist ruhig und rein ist, hat das Begehren überwunden. Worauf sollte er noch warten oder verzichten? (...)

Sammlung und Zügelung des Geistes ist beständige Zuflucht der Suchenden. Doch ist der Weg vollendet, sieht der Weise nichts, was noch getan werden sollte. Er verweilt im Selbst, wie andere im Tiefschlaf, aber vollkommen bewußt.

Der Unwissende gelangt weder durch Handeln noch durch Nichthandeln zur Zufriedenheit. Der Weise ist allein durch Selbsterkenntnis zufrieden. (...)

Wer könnte Selbsterkenntnis erreichen, wenn er sich an äußerliche Erscheinungen klammert? Der Weise durchschaut sie und erkennt überall das unsterbliche Selbst. (...)

Das Denken des Erlösungssuchers will nicht ohne Konzepte als Stütze sein. Der Weise benötigt aber keine Stütze, muß sich nirgendwo festhalten, ist frei beweglich und ungebunden.

Der Unwissende sieht die Sinnesobjekte wie gefährliche Tiger. Erschrocken sucht er sogleich Zuflucht in der Höhle der Gedanken und kämpft mit den Waffen der Konzentration und Analyse. Der Weise schaut gelassen hindurch.

Wenn die Elefanten des Geistes (Gewohnheiten, Ansichten) dem Tiger des Verzichts begegnen, fliehen sie entweder in Waldestiefen oder dienen ihm schmeichelnd. (...)

Was auch immer zu ihm kommt, das geschieht. Er weiß nichts von angenehm und unangenehm, und so handelt er wie ein unschuldiges Kind, aber grenzenlos bewußt.

Durch Selbsterkenntnis erreicht man Zufriedenheit, erreicht man Seligkeit, erreicht man das Höchste Sein. Sobald man das Selbst erkennt, das ewig frei von allen Handlungen und deren Verstrickungen ist, schwinden alle absichtsvollen Handlungen dahin. (...)

Der Weise, der nichts planen muß, der frei beweglich und jenseits aller Gegensätze ist und dessen Zweifel erloschen sind, der haftet an keinen besonderen Bedingungen an, und alleinsam ist er selig. (...)

Wer wahre Zufriedenheit gefunden hat, läuft weder der Gesellschaft hinterher, noch flüchtet er in den Wald. Warum auch? Er lebt überall zufrieden, nicht abhängig, sondern unabhängig von irgendwelchen Umständen.

Ashtavakra Gita, 18. Gesang (Übersetzung: Undine Weltsch / Jens Grünewald)

1 Die Verobjektivierung, die im Verstand unablässig abläuft, erschafft die Welt als einem selbst gegenüberstehende Schein-Wirklichkeit. Es reicht nicht, sich das abstrakt/intellektuell (oder gar, schlimmer noch, philosophisch) klarzumachen, sondern es muß dann geschehen, wenn der verselbständigte Verstandesprozeß (als Denken und innerer Dialog) abläuft, also in jedem Moment. Alles andere ist ein Dauerzustand von Projektion bzw. ist Wachschlaf.

2 Im Sinne der üblichen, nach außen orientierten Herangehensweise von Gesellschaftskritik, Aufklärung, Überzeugen oder "Verbreiten der Wahrheit". Derartige Augenmerke sind nur Selbsttäuschungen. Es ist nutzlos und überflüssig, sich damit bis an sein Lebensende noch weiter zu belasten!

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