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Sufi-Schule

Hakim Sanai: Der ummauerte Garten der Wahrheit (2)

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Der meistert die Liebe,
den die Liebe meistert.


Gib dich ganz, mit Haut und Haaren,
der Suche hin;
wenn du aber das Meer erreichst,
sprich nicht mehr vom Fluß.


Sklave, der du bist,
abhängig von Ruhm und Zurückstufung,
was bedeutet dir schon die Ewigkeit?


Myriaden von Hindernissen stehen dir entgegen;
deine Zuversicht stolpert und scheitert.
All dein Gerede ist nur Wortspielerei,
so lange du verstrickt bleibst.


Du bist erst ein Neuankömmling in dieser Existenz:
hör' auf, von Ewigkeit zu reden,
wenn du nicht einmal deinen Kopf
von deinen Füßen unterscheiden kannst!


Wenn er dich in seine Gegenwart einläßt,
frage ihn nach nichts anderem als nach ihm selbst.
Wenn er dich zum Freund erwählt hat,
dann hast du alles gesehen, was es überhaupt zu sehen gibt.
In der Welt der Liebe gibt es keine Dualität:
was soll all dieses Gerede von "Dir" und "Mir"?
Wie kannst du eine Tasse füllen,
die bereits voll ist?


Bringe alles von dir an seine Tür:
bringst du jedoch nur einen Teil,
dann hast du gar nichts gebracht.


Und wenn du mit dem Freund
die Stufe von Lächeln und Küssen erreicht hast,
dann zähle sein Gift als Honig
und seine Dornen als Blume.


Am Tor des Königs
fragt der Bettler nach Brot;
aber der Liebende verlangt
Nahrung für seine Seele.


Bist du behindert
durch deine eigene Inspiration,
mach' aus ihr einen Stock,
um dich selbst zu prügeln.

Rede weniger Unsinn;
halte deine Fehler im Blick;
und laß' den Hunden diesen Knochen.

Deine inneren Qualitäten erheben dich
zu großen Höhen:
warum also zeigst du noch
den minderwertigen Geist eines Hundes?

Der Mensch der noblen Absicht
genießt das Beste aus beiden Welten;
der Mensch, der so niedrig ist wie ein Hund,
jagt auch wie ein Hund von Essen zu Essen.


Während dein Wesen noch mit der Existenz behaftet ist,
ist die Kaaba eine Kneipe, bei all deinem Dienst;
aber hat sich deine Seele erst von der Existenz getrennt,
wird selbst ein Heidenschrein dir zum Aufenthalt Gottes.


Du Schuft, der in der Kneipe herumkriecht!
Du Sohn eines Esels!
Dein Verständnis ist verschmutzt
durch das Ich und die Existenz;
es ist blind für diese andere
ewige Welt.


Dein eigenes Ich ist es,
das definiert, was ihm Treue und Mißtrauen ist:
unvermeidlich färbt das deine Wahrnehmung.
Die Ewigkeit weiß nichts
von Glauben oder Unglauben;
für eine reine Natur
gibt es so etwas nicht.


Und falls du, mein Freund, mich nach dem WEG fragst,
sage ich dir freiweg, daß er dies ist:
dein Gesicht auf die Lebenswelt zu richten
und Rang und Ruf den Rücken zu kehren;
und, äußeren Wohlstand verschmähend, doppelt
deinen Rücken in Seinem Dienst zu beugen;
die Gemeinschaft mit denen, die mit Worten handeln, zu verlassen
und Platz zu nehmen in der Gegenwart der Wortlosen.


Als Bayazid sprach: "Mir sei Ehre!",
da sprach er nicht aus Unkenntnis oder Narrheit,
und die Zunge, die das letzte Geheimnis aussprach,
sprach wahr, als sie verkündete: "Ich bin Gott".
Als Mansur den Pöbel zu lehren versuchte,
welches Geheimnis ihm offenbart worden war,
da wurden sie zu Mördern und zerstörten ihn;
und das taghelle Geheimnis
verwandelte sich in pechschwarze Dunkelheit.
Und doch war es Gottes eigenes Wort,
das er aussprach;
und als er der Menge das verbotene Geheimnis
plötzlich offen enthüllte, wurde seine äußere Hülle
an den Galgen geknüpft; aber der Freund
nahm sein inneres Wesen zu sich;
und als sein Körper nicht mehr sprechen konnte,
enthüllte das Blut seines Herzens immer noch
das Geheimnis.


Der WEG ist nicht weit
von dir zum Freund:
du selbst bist der WEG:
so mach' dich dazu auf.



Du, der du nichts weißt vom Leben,
das aus dem Saft der Traube kommt,
wie lange willst du noch getäuscht bleiben
von der äußeren Form der Traube?
Warum lügst du und sagst, du seist betrunken?


Wenn du Wein trinkst, behalte es für dich:
ein Milchtrinker sagt nichts, warum also solltest du?
Wann immer du einen Becher Wein trinkst
in diesem verfallenen Haus, nimm' meinen Rat an:
gehe nicht vor die Tür deiner Trunkenkeit,
sondern lege deinen Kopf nieder, wo du getrunken hast;
trinke im Verborgenen, und wenn du getrunken hast,
schmiere dir Dung auf die Lippen; und erst wenn du
zweimal bis zur Neige getrunken hast und dir der Schädel dröhnt,
werde ich sagen: "Da geht ein ganzer Mann!"


Wie kannst du vorwärtsgehen?
Es gibt nichts, wohin du gehen kannst;
wie wirst du springen?
Du hast keine Füße.


Es geschieht nicht erst heute,
daß die Nichtexistenten gekommen sind,
um an der Tür des wahren Seins zu dienen;
seit Anbeginn der Zeit sind die Diener,
machtlos und ohne Reichtum,
ausgeschwärmt wie Ameisen,
um an der Tür der Liebe zu warten.


Ordne deine Dinge, sodaß,
wenn der Tod dich ruft, er deine Seele
auf der Straße wartend antrifft.
Verlaß' dieses Haus von Vagabunden:
bist du an Gottes Tür, so bleibe dort;
falls nicht, so mach' dich dorthin auf.


Niemand weiß, wie weit es ist
von der Nichtigkeit bis hin zu Gott.
Solange du an dir selbst hängst,
wirst du rechts und links abirren,
Tage und Nächte und tausend Jahre lang;
und wenn du, nach all dieser Anstrengung,
schließlich die Augen öffnest,
wirst du dein Selbst sehen, wie es,
getrieben durch die darin enthaltenen Defekte,
um sich selbst herumwandert wie ein Ochse um die Mühle;
aber wenn du, endlich von dir selbst befreit,
zur Arbeit kommst, wird sich diese Tür
dir in zwei Minuten öffnen.


Gott wird solange nicht dein sein,
wie du an der Seele und am Leben klebst:
du kannst nicht beides zugleich haben.
Zerstampfe dein Ich während Monaten und Jahren;
laß' es liegen wie tot, und wenn du damit fertig bist,
wirst du das ewige Leben erreicht haben.


Bleibe unbewegt von Hoffnung und Furcht.
Für die Nicht-Existenz sind Moschee und Kirche eins;
für einen Schatten Himmel und Hölle ebenso.
Für jemand, dessen Führer die Liebe ist,
sind Glaube und Unglaube gleichermaßen ein Schleier,
der den Zugang zum Freund verhüllt;
— sein bloßes Dasein ist ein Schleier,
der Gottes Wesem verbirgt.


Laß' deine Heuchelei zurück,
wenn du in seine Gegenwart trittst.
Menschen des WEGES gehen mit Vertrauen;
wenn dein Vertrauen in ihn beständig ist,
dann vertraue auch, daß er für dich sorgt.


Es ist leicht, einen Schlafenden zu wecken;
aber die Unachtsamen sind so gut wie tot.


Wie lang willst du noch davon reden,
auf Gott zu vertrauen,
und dich einen Menschen nennen,
wenn du weniger als ein Sklave bist?
Wenn du dich auf dieser Reise nicht
wie ein Mensch benehmen kannst,
dann geh' und lerne von den Sklaven.
Weh' über den Menschen,
der weniger als ein Sklave ist!


Der Kopf hat zwei Ohren;
die Liebe hat nur eines:
dieses hört Gewißheit,
während jene nur Zweifel vernehmen.


Solange du dein Schwert nicht fortwirfst,
wirst du kein Schild werden;
solange du deine Krone nicht beiseite legst,
taugst du nicht als Führer.


Der Tod der Seele
ist die Zerstörung des Lebens;
aber der Tod des Lebens
ist die Rettung der Seele.


Steh' niemals still auf dem PFAD:
werde nicht-existent; nicht-existent sogar
gegenüber der Aufgabe, nicht-existent zu werden.
Und wenn du beides verworfen hast,
Individualität und Verständnis,
wird diese Welt zu jener werden.


Erhebe dich! Überschreite diese Welt
der Niedrigkeit und finde deinen Weg zum Unbeschreiblichen;
überschreite Leben und Körper, Zuversicht und Vernunft,
und erwirbt dir eine Seele auf der Straße zu Gott.


Gerade so, wie deine äußere Gestalt deine Eigenschaften enthüllt,
dämmen deine Eigenschaften dein innerstes Wesen ein.
Gestalt und Eigenschaften sind die Nische und das Glas,
von wo das Licht des Wesens herscheint.


Solange du auf dieser Straße
nicht schlimme Not erduldet hast,
ist deine Seele doppel-gesichtig,
obwohl deine Gestalt eins ist.


Sage mir eines —
— wenn du nicht tot oder im Tiefschlaf bist —
sage mir vom Grunde deines Wissens
von Philosophie und Gesetz:
da du mit einer Seele ausgestattet bist,
was könntest du mehr verlangen
im Tausch für dein Ich?


Du kennst nicht den Unterschied
zwischen jener verborgenen Welt und dieser,
zwischen Wohlergehen und Leiden.
Du bist wahrlich kein Mann
auf diesem WEG:
Du bist nichts als ein kleiner Junge;
— geh' zurück zu deinen Spielen,
zu deinem Stolz und deiner Unabhängigkeit,
zur Ziererei und zum Liebreiz deiner Freundin,
denn das ist es, was dir gefällt.

Mein Sohn,
was hast du mit Gott gemeinsam?
Du verleugnest die Zukunft
für das, was du jetzt hast:
Was kannst du von der Ewigkeit wissen?

Er weiß, wie niedrig du stehst:
wie könnte er dein Selbst zu seinem einladen?
Er bietet dir ewige Freude und Schönheit an,
aber du bleibst umgarnt
von den Schönheiten dieser Welt hier.
Mein oberflächlicher Freund, versuche,
mehr zu sein als ein schwächliches Bürschchen
auf dem Weg zu Gott.


Gehe eine Zeitlang mit den Propheten zur Schule;
gib' diese Narrheit, diese Krankheit auf;
lies' bloß eine Seite von den Lehren der Propheten;
denn du weißt nicht einmal, was sie sagen.
Geh', lese und lerne; vielleicht freundest du dich damit an,
vielleicht entrinnst du dieser ganzen Narretei;
und bilde dir nicht ein, daß es in dieser Welt
der Täuschung etwas Schlimmeres als Narretei gäbe.


Wenn du eine Perle suchst,
dann mußt du die Wüste verlassen
und zum Meer wandern;
und selbst wenn du die glitzende Perle niemals findest,
so bist du doch wenigstens bis ans Wasser gelangt.


Der Mensch, dem die Erde und das Wasser
seiner Existenz abgehen,
reitet auf der Luft wie Feuer.


Was auch immer du besitzt,
opfere es für Gott;
denn Wohltätigkeit ist das größere Kleinod,
wenn sie von Bettlern kommt.


Nichts in der Welt kann dich
so sehr verderben wie Wohlstand;
kein Gefängnis der Welt kerkert dich so ein
wie das Gefängnis der Existenz.


Verabschiede das Gerede,
sage Lebewohl zu deinem niedrigen Selbst;
und wenn du das nicht kannst, dann
laß' deine Augen Tag und Nacht Tränen vergießen,
als seien sie Flüsse,
aus Kummer, von Gott getrennt zu sein.

Sorge dich um dein Verstehen;
hör' auf, es für schlechte Zwecke zu benutzen.
Von diesem Haltegriff befreit,
wird du deine Aufgabe leicht finden.

Und wenn du die Nahrung der Seele schmeckst,
wirst du deine Umgebung aus dem Blickwinkel
der Welt der Engel überschauen.


Erniedrige dich im Gehorsam,
und werde so zum Liebling jeder Wohnstatt.


Wenn das Auge rein ist,
sieht es Reinheit.


Die Eitlen und Halsstarrigen
sind niedrige, staubbeschmutzte Bettler;
aber wen er krönt,
der ist wahrlich ein König.


Wirf die bunte Kutte der Täuschung ab;
nimm, wie Jesus, den einfarbigen Mantel.


Entleere dich vom Ich...
solange du dein Ich nicht
wie einen Staubflecken siehst,
kannst du diesen Ort nicht erreichen;
das Ich kann diese Luft nicht atmen,
deshalb nimm deinen Weg dort ohne Ich.


In drei Gefängnissen,
Täuschung, Haß und Neid,
bist Du Gefangener deines Körpers;
deine fünf Sinne
sind Gefängnisspione und Zuarbeiter.
In diesem Land
ist die Seele ein Fremder,
— und noch dazu ein Narr,
solange, wie sie in den Sinnen
eingefangen ist.
Wie kann eine Seele,
die weiß, was sie weiß,
die Gesellschaft von Spionen
und Verleumdern ertragen?


Er ist die Zunge der Stummen.
Die Ungezeichneten suchen sein Zeichen.

Wirf' alles bis auf den Freund ins Feuer;
auf der Reise von diesem Leben zum nächsten
haben wir in Gut und Böse keine Komplizen;
gib' nicht dem Verlangen deines Herzens
nach der Gesellschaft anderer statt:
schneide dich ab von ihnen,
bevor sie dir die Kehle durchschneiden.

Am letzten Tag wirst du der Menschen überdrüssig sein;
aber jetzt bist du weit vom Ziel, und der WEG ist lang.
Wozu stinkende Zwiebeln als Nahrung preisen,
wenn du den geraden Weg vor dir siehst?
Diejenigen, die nicht deine Freunde sind,
obwohl du sie jetzt noch als solche ansiehst,
werden alle ihre Treue zu dir brechen.

Die Gartenrosen der Selbstverliebten
werden dann die Gestalt von Eiterbeulen annehmen.


Sei dir darüber im klaren:
an seinem letzten Tag
wird die Lage eines Menschen unverändert sein:
was immer er wählt, wird ihm vorgesetzt;
dann wird er dort sehen, was er hier genommen hat.


Die Weber der ewigen Welt
werden dir deine Gedichte zurückerzählen.
Was auch immer der Ladeninhaber vom Markt zurückschickt,
das wird ihm am Abend auf den Tisch serviert;
ebenso: was du von hier fortnimmst,
wird aufbewahrt und dir
am Jüngsten Gericht zurückerstattet.
Weder gibt es einen Tausch noch eine Ersetzung:
Übles kann sich nicht in Gutes verwandeln.
Niemand bekommt etwas umsonst:
du erhältst, was dir gebührt — sonst nichts.


Wann willst du deinen Fuß auf das Dach des Himmels setzen?
Und wann Wein aus dem Becher der Engel trinken?
Kann Gott dich wohlwollend zu sich nehmen,
oder bereitwillig deine Gebete akzeptieren,
während, wie bei einem Esel in seiner kaputten Hütte,
deine Gedärme noch voll von Fressen und Saufen sind?
Wie kannst du jemals den Urheber der Gesetze begrüßen,
wenn dein Unterteil noch halb im Schlamm steckt,
die Nase aber hoch zum Himmel zeigt?


Mit seinem Schwanz fegt der Hund seine Lagerstatt aus,
aber fegst auch du den Platz des Gebetes mit deinen Seufzern?


Deine Selbstwertschätzung führt keine Gebete aus,
denn sie sieht dabei keinen Profit.
Während Selbstwertschätzung am Steuer steht,
bezweifle ich, daß Gabriel eintreffen wird.

Wenn du auf dem PFAD dein Ich erschlagen hast,
wird dir auf der Stelle Gottes Gunst bezeugt.

Um Eintritt zu erlangen, komme in Armut:
falls nicht, wirst du unwiderruflich verstoßen.


Wenn du ernsthaft ins Gebet eintrittst,
werden alle deine Gebete erhört;
aber hundert Gebete, denen es an Ernsthaftigkeit mangelt,
lassen dich der Stümper bleiben, der du bist,
und dein Werk bleibt ein Fehlschlag.

Gebete, die aus Gewohnheit abgespult werden,
sind wie Staub, den der Wind verweht.
Die Gebete, die zu Gottes Hof Zutritt finden,
sind von der Seele gesprochen;
der Imitator dagegen bleibt ein wertloser, einfältiger Bettler,
der den Weg zur Verrücktheit eingeschlagen hat.

Auf diesem PFAD überdauert das Gebet der Seele,
nicht jedoch die öde Nachahmerei.


Du kommst zu Gott in all deinem Stolz:
wie soll er dich hören, wenn du rufst?
Laß' dein Gebet frei sein vom Ich;
solange es vom Ich gefärbt ist,
wird er es nicht hören.

Was die Zunge in hilfloser Verzweiflung äußert,
gilt als Bote von dieser Welt zu seiner;
wenn es deine Hilflosigkeit ist, die den Boten sendet,
ist dein Ruf: "Oh, mein Gott!"
und seiner: "Hier bin ich!"


Ohne rechte Führung
ist der Mensch weniger als ein Tier;
ohne rechte Führung
arbeitet der Mensch vergeblich.


Narr, mache dieser Kriecherei ein Ende!
Akzeptiere niemals mehr den Namen eines Dieners.
Wärest du mächtig in der Welt,
sprächest du Wort für Wort wie der Pharao,
der in seiner grenzenlosen Überheblichkeit
jeden Dienst und jede Unterwürfigkeit verschmähte,
der den Schleier von seinen Tagen wegzog
und sagte: "Ich bin größer als die Könige.
Ich stehe über allen Prinzen der Welt."
Jeder hat diese Überheblichkeit und diesen Stolz:
solche Worte sind des Menschen zweite Natur;
aber aus Furcht, ihr Geheimnis preiszugeben,
versuchen sie es sogar vor sich selbst zu verstecken.


Mein Freund, auf dem Pfad der Ernsthaftigkeit
bist Du schwächer als eine Frau —
du hinkst hinter deinen weiblichen
Gefährten weit hinterher.
Solange deine Gebete nicht von Herzen kommen,
wirst du niemals die Erlösung deiner Seele erlangen.


Der Knochen auf deinem Teller ist
für sich genommen keine Delikatesse ohne das Mark;
das Mark des Gebets liegt in der Demut:
ohne Demut wird kein Gebet erhört werden.
Ein Mann muß in sein Gebet
verwundet und in Armut eintreten;
ohne Demut und Vertrauen
führt ihn bloß der Teufel an der Nase herum.


Befreie deine Gebete
vom Atem des Verlangens;
denn der Tau des Verlangens
korrumpiert sie völlig.
Deine Gebete sind so wertlos,
daß die Schuhe an deinen Füßen
das einzige Geschenk sind, das du mitbringst.


Im Angesicht des Befehls
"Sei, und es war",
wer wagt da die Frage,
was, wie und wann?


An seinem Hof
ist Armut ein wertvolles Juwel:
du bringst als Geschenk
weltliche Besitztümer und Profite,
aber es ist deine andauernde Zerknirschung,
die er annehmbar findet.


Wie könnte ich mit etwas anderem
befreundet sein als mit dir?
Aber was ist der Sinn dieser Dualität,
— zu denken, daß ich ich bin und du du?
Was ist all dieser Rauch neben deinem Feuer?
Denn da du bist, laß' alles andere aufhören zu sein.
Die ganze Existenz ist bloß
die Brise deiner Gunst,
du, von dem Schmerz besser ist
als aller Reichtum der Welt.


Welcher Verrückte
könnte jemals genug von dir haben?
Kann ein Mensch je exisiteren und am Leben bleiben
ohne deine Hilfe und deine Gunst?
Wie kann einer trauern, der dich besitzt;
wie einer erblühen, der deiner ermangelt?
Wenn ich dich besitze,
bin ich eine Münze aus purem Gold;
aber wenn du fehlst, bin ich nichts
als der Wimmern eines Mühlrades.


Die dich lieben,
weinen in ihrem Lachen;
die dich kennen,
lachen in ihrem Weinen.


In deinem Feuer zu brennen
ist das Paradies;
aber die meisten Menschen geben sich
mit bloßen Sinnesfreuden zufrieden.


Gott ist der Freund dessen,
der nicht Freund des Ich ist;
wenn du wirklich ein Mensch des WEGES bist,
dann halte dich davon fern,
von dir selbst fasziniert zu sein.


Immer und immer wieder
gehst du deinen wertlosen Lebensweg
wie ein abgezäumter Esel
mit dem Futter vor sich.
Müßig treibst du
von Stadt zu Stadt:
warum suchst du das, was du verloren hast,
nicht dort, wo du es verloren hast?

Wenn dir dein Esel
im Irak gestohlen wurde,
was tust du
in Yazd und Rai?


Bevor du vollständig bist,
ist für dich eine Brücke bereitet;
aber wenn du erst einmal vollständig geworden bist,
was sind dann Brücke und Fluß für dich?


Boshaftigkeit und Erbitterung sind ihm unbekannt:
Wut ist ein Zeichen von Unreinheit;
du kannst nicht vom "Zorn Gottes" sprechen,
denn er hat keine solche Eigenschaft;
Wut und Haß erwachsen aus Zwanghaftigkeit
und sind beide gleichermaßen fern von ihm.

Vom Schöpfer kommt nichts als Gnade;
er verschleiert die Sünden seiner Diener.
Seine Gnade unterstützt, seine Anmut umgarnt dich;
ob du kommst oder nicht, er ruft;
in seiner Freundlichkeit bietet er dir das Paradies an;
aber in dieser Herberge von Ignoranz und Narrheit
hast du den Pfad der Ausflucht gewählt.


Solange du Liebe mit selbstsüchtigen Augen suchst,
erwartet dich eine Kreuzigung der Reue.
Wer immer heiß auf der Spur der Liebe ist,
für den ist Entsagung der Schlüssel zur Tür.
Liebe mit dem Geliebten ist in der Tat Entzücken;
Verlangen nach dem Geliebten ist weit entfernt von Gott.
Deine Genüsse sind Legion: sie werden dich aufzehren;
das Sehnen nach Liebe ist eine Liebkosung vom Himmel.


Wenn das Sonnenlicht aufs Wasser fällt,
werden die Wellenbewegungen reflektiert
und werfen ein helles Bild auf die Wand:
denk' daran, daß auch diese sekundäre Spiegelung
von der Sonne kommt.


Ob du existierst oder nicht,
ist unerheblich für die Arbeit der göttlichen Kraft.
Alles, was ist, ist allein das Werk Gottes
— und glücklich ist der Mensch, der das weiß.


Vernunft war die Feder,
das Selbst das Papier;
der Materie wurde Gestalt verliehen;
Körper erhielten ihre Form.
Zur Liebe sagte er: "Fürchte nichts außer mir".
Zur Vernunft waren seine Worte: "Erkenne dich selbst."


Während du in dieser Heimstatt lebst,
diesem Grab, das dir zugeteilt ist,
diesem Haus von Ablenkung und falscher Vorspiegelung,
so blicke nun auf die Weide mit deinem weltlichen Auge
und mit deiner Seele auf den Baum des Paradieses.
Lies' die Buchstaben mit deiner Zunge,
lies ihre Bedeutung mit deiner Seele.


Solange dein Begehren das Vergnügen ist,
und solange du dieses Begehren schätzt,
fahre fort, wie ein Kind herumzuspielen:
du bist nicht Manns genug für das hier.


Du, der du nichts mitgebracht hast
bis auf Schaum vom Ozean,
du, mit deinen Besitztümern
rings um dich aufgereiht,
du hast nicht die Essenz der Perle erfaßt,
die auf ewig in der Muschelschale eingebettet liegt.
Lasse diese verschmutzten Schalen liegen;
hole dafür die reine Perle
aus den Tiefen des Ozeans empor.


Der Wert des Pfeiles liegt darin,
daß er das Ziel trifft.
Wenn du rein bist, wird der
verborgene Sinn sich aus dem Gerüst des
geschriebenen Wortes erheben;
denn solange der Mensch
nicht seine Unreinheit hinter sich läßt,
wie kann der weise Text aus der Seite herausspringen?
Solange du vom Ich verschleiert bist,
wie kannst du da
zwischen Gut und Schlecht unterscheiden?
Der Buchstabe des Lehrtextes ist für sich genommen
noch kein Allheilmittel für die Seele:
Ziegen werden nicht vom Ruf des Hirten satt.


Warum beanspruchst du, jemand zu sein
in diesem deinem Dorf?
Das einzige, was dich heraushebt,
ist, daß überhaupt nichts zu sein
besser ist als alles andere.

Du magst denken, du wärest etwas,
aber dieses Etwas ist gar nichts.
Du meinst, du hättest etwas zu bieten?
— Das meinen auch die Punkte auf einem Würfel
von sich selbst.


Der ist ein glücklicher Mensch,
der seinen Abdruck auf der Welt ausgetilgt hat,
der weder sucht noch von jemand gesucht wird.


Wer immer in den Banden dieser Welt gefangen ist,
der kann nur gewinnen, wenn er ihrer Macht entflieht;
denn diese Welt ist der Quell von Schmerz und Sorgen:
die Weisen haben sie ein Durchgangslager genannt.
Da im Lichte der Vernunft und Einsicht
zwei rechtzeitige Fluchtversuche mehr wert sind
als drei Siege, ist es sicherlich
der Gipfel der Narrheit, wenn du auf dieser Brücke
noch länger verweilst.

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