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Klöster in West und Ost - Schulen des Bewußtseins 1

Einführung

Klöster waren und sind spirituelle Schulen, und Spiritualität ist kein Kulturphänomen. Klöster sind, wie die Wissenschaft, aber umfassender als sie, eine große gemeinsame Gipfel-Leistung des menschlichen Bewußtseins.

Im Unterschied zu heutigen Universitäten, die im wesentlichen vor allem den Intellekt schulen und Selbsterkenntnis ausklammern, die also eine äußerliche Bildung in Form von mehr Wissen, mehr Information, mehr Sachverstand anstreben, verfolgten und verfolgen die (echten) inneren Schulen das Ziel ganzheitlicher und harmonischer Erkenntnis und Entwicklung des einzelnen. Statt vorwiegend intellektueller Schulung geht es dabei um Ausbildung sämtlicher Dimensionen des Menschseins: des Instinktes, der Bewegungsfunktionen, des Gefühls und des Intellektes. Auch Klöster waren ursprünglich Innere Schulen.

Klöster sind nichts spezifisch Christliches. Es hat sie auch in den Einflußbereichen vieler anderer Religionen gegeben, und nicht nur das: Heute sind die Klöster des Westens im Niedergang begriffen und werden als überholte Institutionen betrachtet — im Osten, so z.B. im Islam und im Buddhismus, spielen sie hingegen immer noch eine zentrale Rolle. Dort bilden sie weiterhin lebendige Kraftzentren der inneren Erfahrung, die in ihrer Wirkung auf die vielfältigste Weise in die dortige Kultur hinaus ausstrahlen, bis in das persönliche Wert- und Sinnempfinden des einzelnen.

Merkwürdige Parallelen

Das eigentliche Frappante sind die augenfälligen Übereinstimmungen zwischen Klöstern des Westens und des Ostens. Diese Entdeckung setzt voraus, daß man sich von der These der einzig-gültigen Weltanschauung, wie sie besonders aggressiv vom Christentum vertreten wurde und immer noch wird, gelöst hat. Diese Entdeckung kann man fast schon als Sensation bezeichnen. Es wird damit nämlich auf einen Schlag erkennbar, daß Spiritualität nicht Ergebnis einer bestimmten Religion oder Wirklichkeitssicht ist, sondern unabhängig von der kulturellen und historischen Prägung des Menschen aus seiner individuellen existentiellen Situation entspringt, und weiter, daß sie auf augenfällige Weise zu kulturunabhängigen Strukturen führt, was die praktische und konkrete Auseinandersetzung mit dieser existentiellen Problematik anbetrifft1).

Gerade das Beispiel der Klöster und ihrer augenscheinlichen Parallelen zeigt, daß wir es mit realen Ausprägungen von Lehr- und Lernstrukturen einer gemeinsam zugrundeliegenden Wissenschaft der Bewußtheit zu tun haben. Diese Lehr- und Lernstrukturen traten nur zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten der Erde in jeweils anderer Verkleidung auf, während sich die grundlegenden Inhalte kaum oder gar nicht unterschieden.

Warum Klöster entstanden

Untersuchen wir zuerst die Wurzeln der Klöster, den Grund ihrer Entstehung. Es lohnt sich, näher auf die ursprünglichen Beweggründe der mystischen Suche einzugehen, weil wir uns damit auch am Kern der ganzen Thematik befinden und verstehen können, was Klöster eigentlich sind und wie die Entwicklung der Klöster aller Kulturen einzuschätzen ist.

Ausgangspunkt ist ein persönlicher Gewissensimpuls. (Sprechen wir ruhig in der Ich-/Wir-Form und nicht von „anderen“:)

Wir sagen etwas und tun etwas anderes. Wir nehmen uns etwas vor und führen es nicht aus. Wir hegen anderen oder uns selbst gegenüber Gefühle, die uns quälen, wie Haß, Neid, Ärger, Zorn. Wir beobachten also, daß etwas mit uns nicht stimmt: Daß wir nicht echt sind, nicht wahrhaftig. Wir suchen nach Lösungen, fragen, lesen, denken nach; wir bemühen uns, uns selbst zu disziplinieren — aber immer wieder scheitern wir.
Es ist, als ob alle unsere Anstrengungen überhaupt nichts nützten. Immer stärker fühlen wir uns als ohnmächtige Spielbälle. Die Fassade des „sportlichen Mannes“ oder der „attraktiven Frau“ bricht für uns zusammen, obwohl wir sie nach außen weiter darstellen. Innerlich spüren wir, daß wir hilflos sind. Wir sind hilflos unseren eigenen inneren Antrieben ausgeliefert.
Dieses Erkennen und der Gewissensimpuls, mit dem wir uns unserer Schwäche und Widersprüchlichkeit reumütig gewahr werden, löst eine Suche aus: die Suche nach Erlösung von der eigenen Unbewußtheit.
Früher nannte man das „Sünde“, und es ging darum, hierfür zu „büßen“. Aber der Begriff der Sünde ist zu negativ und birgt Assoziationen von Minderwertigkeit und Bestrafung. „Sünde“ ist nichts anderes als Unbewußtheit, als fehlende eigene Wahrhaftigkeit, als fehlende Einheit. „Sünde“ ist das Ergebnis einer Persönlichkeit, die vor lauter Rollen und Masken nicht mehr dazu kommt, sie selbst zu sein.
Menschen, bei denen das Erkennen ihrer eigenen Nichtigkeit, Hohlheit und Verlorenheit aufgrund des Gewissensimpulses drängend genug wurde, um sie bereit zu machen zur praktischen Konsequenz, beendeten ihr fassadenhaftes Alltagsleben und taten einen ganz konkreten Schritt.

Irgendwann einmal bestand dieser erste Schritt in der persönlichen Wahrheitssuche einzelner, die sich aus dem Trubel eines selbstvergessenen Alltagslebens in die Einsamkeit, in das Eremitendasein zurückzogen, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Sie faßten den Entschluß, nicht eher zurückzukommen, als bis sie der Problematik der eigenen Nichtigkeit und Unbewußtheit auf den Grund gegangen wären. Diese Daseinsfrage zu lösen, war ihnen wichtiger als alles übrige.

Wir haben Zeugnisse über und von diesen Einzelnen, daß sie Antworten fanden, und daß Antworten auf die genannten Fragen auch wirklich existieren. Diese Pioniere der inneren Suche fanden Inspiration und Wissen, und fühlten sich bemüßigt, anderen davon zu künden.

Beachten Sie den Unterschied: Diese Menschen wollten wirklich etwas mitteilen, sie hatten nicht nur „andere Ideen“ oder „Meinungen“, mit denen sie aus Geltungssucht oder Überheblichkeit andere Menschen zu indoktrinieren versuchten. Sie erkannten, daß es richtig ist, der menschlichen Bestimmung auf den Grund zu gehen, und daß hier ein gangbarer WEG auch für andere Suchende existierte.

Daraus entstanden die Einsiedlergemeinschaften als erste Klöster. Es fanden sich Gemeinschaften ein, wo entweder diese Einzelnen die Erkenntnisse, die sie gemacht hatten, an andere weiterzugeben versuchten, um diese auf denselben WEG zu führen, oder wo mehrere sich zur gegenseitigen Unterstützung auf dem WEG der Erkenntnissuche solidarisch zu bestärken und zu festigen suchten.

Bemerkenswert ist, wenn wir das spätere Bild betrachten, mit dem uns Klöster nun erscheinen, daß man einen Zusammenhang fühlen kann zwischen zuinnerst als Einsicht und Klärung empfundener Wahrheit und den Hervorbringungen und kulturellen Wirkungen, die solche Gemeinschaften während vieler Epochen auf die Menschheit ausübten — sei es in Schrift, Musik, Architektur, Wissenschaft oder bildender Kunst. Man fühlt, daß hier eine fruchtbare Quelle aufgetan wurde, aus der die Inspiration der Menschheit geschöpft wurde, und daß diese Quelle mit der eigenen Selbsterkenntnis in Verbindung steht.

Erinnern wir uns an diesen Ausgangspunkt, wenn wir spätere fragwürdige Weiterentwicklungen der Klöster und der Religion untersuchen, bei denen kalte Macht über das menschliche Denken, ideologische Intoleranz und pervertierte Sexualität in den Vordergrund rücken! Da muß etwas schiefgelaufen sein; da hat die Menschheit von einer richtigen Einsicht aus den falschen Weg eingeschlagen, und dieser WEG kann nur korrigiert werden, wenn wir ihn neu rekonstruieren, und gewappnet mit besserem Verständnis.

Zentrale Inhalte

Die in den jeweiligen spirituellen Traditionen des Westens und Ostens benützten Grundbegriffe erscheinen nur auf den ersten Blick verschieden. Schält man jedoch den allen gemeinsamen, lebendigen Ursprungskern heraus, so gelangt man zu identischen Inhalten. Es ist nun an der Zeit, von der Begrenztheit der eigenen kulturellen Sicht zu abstrahieren und eine Vermittlung zwischen den Begriffen zu finden, die zu einer zwischenkulturellen Verständigung führt.

Wir greifen einige in den Traditionen zentral benutzte Begriffe als Beispiele heraus. Hierzu unterscheiden wir drei zentrale Augenmerke:

  • Das Ziel,
  • den Weg und die
  • unterstützende Gemeinschaft.

Diese drei Elemente bilden eine dynamische Einheit: Als Sinnorientierung und wesentlichen Punkt das Ziel, als Mittel zur Erreichung des Zieles den WEG, und die unterstützende Gemeinschaft als notwendige Vermittlungsinstanz, als Hilfe oder manchmal auch so etwas wie der Katalysator. Diese dynamische Einheit von Ziel, WEG und Vermittlungsinstanz macht den Kern der mystischen Suche des Individuums aus. Man kann auch sagen: Ohne Ziel keine Suche, ohne WEG kein Erreichen des Ziels, ohne Gemeinschaft keine Unterstützung auf dem WEG. Hierbei versorgt die Gemeinschaft auch mit dem nötigen Wissen, der „Landkarte“, für den WEG. Die Gemeinschaft ist Hort und Austauschforum der spirituellen Wissenstradition, und dieses Wissen kann Jahrtausende alt sein. Es ist von unschätzbarem Wert für den Sucher, der, auf sich alleine gestellt, das „Rad neu erfinden“ müßte und gewiß in etliche Fallen tappen würde, über deren Existenz er nicht aufgeklärt wäre. Die Drei-Einheit von Ziel, WEG und Gemeinschaft findet sich in allen mystischen Traditionen des Planeten.

Was variiert, sind die Bezeichnungen und Begriffe. Heißt der Sucher einmal Pilger, Gläubiger oder Mönch, so heißt er woanders Sannyasin, Adept oder Lernender. Heißt das Ziel einmal Gott oder Allah, so heißt es woanders Erlösung, Nirwana oder Erleuchtung, Befreiung oder Liebe.

Heißt die Gemeinschaft einmal Mönchsorden, so heißt sie woanders Arbeitsgruppe oder Bruderschaft. Heißt die Institution der inneren Arbeit einmal Kloster, so heißt sie woanders Koranschule (Medressa) oder Ashram.

Nun mag sich jemand, der der einen oder anderen Tradition angehört, durch diese Gleichsetzungen vor den Kopf gestoßen fühlen; es wird deshalb im folgenden auf die Parallelen und Unterschiede noch genauer eingegangen. Diese haben im wesentlichen aber nicht mit dem Inhalt zu tun, sondern mit der Methodik.

Ein WEG, der über den Intellekt führt, wird technischere und nüchternere Begriffe benutzen als ein WEG des Herzens und der Hingabe. Und dennoch ähneln sich die Ziele: Entdeckung der Wahrheit, Einswerden mit dem Sinn der Existenz, Erfahren von kosmischer Liebe ist letztlich unabhängig von Begriffen, denn es wird zuinnerst und ganz persönlich erfahren und fragt in diesem Moment nicht danach, welche Bezeichnung dafür mehr zutrifft und welche weniger.

Das Ziel

Jeder wird bisweilen eine dumpfe und recht vage Sehnsucht empfinden nach Überwindung der eigenen Beschränktheit, nach Beantwortung der Frage nach Sinn und Zweck seines Daseins, nach Klärung der eigenen Berufung in diesem Leben, nach Befreiung von den immer gleichen, stetig wiederkehrenden Konflikten und Verwicklungen. Dieses vage Sehnen kann nicht leicht in einem einzigen Wort oder Begriff zusammengefaßt werden, es ist aber so, daß dieses „mystische Unbehagen“ oder Daseinsproblem von einigen Menschen mehr und von anderen weniger stark empfunden wird; von einigen indessen so stark, daß sie ihr ganzes Streben auf die Lösung der fundamentalen Existenzfrage gerichtet haben.

Uns sind Lebensbeschreibungen dieser gewissenhaften Menschen überliefert. Es hat sie in allen Kulturen gegeben: als Mystiker, Schamanen, Yogis oder Heilige gingen sie, oft stellvertretend für die übrigen Menschen, den WEG bis zur äußersten Konsequenz. Bekannt sind beispielsweise die Namen von Gautama Buddha, Jesus Christus, Ramakrischna, Sri Ramana Maharshi oder Jiddu Krishnamurti.

Wer sich mit den näheren Details ihres Heranwachsens und Werdegangs, von Berichten über ihre Suche, über die von ihnen durchgestandenen Prüfungen sowie ihren mystischen Erfahrungen auseinandersetzt, wird nicht umhinkönnen, auffallende Parallelen festzustellen.

Auch haben wir Zeugnisse und Überlieferungen über das, was diese Personen zum WEG, zum Ziel und zur Methodik, wie das Ziel zu erreichen ist, mitgeteilt haben. Im Gegensatz zu der von den späteren Religionsanhängern verbreiteten Darstellung durchliefen alle Mystiker, auch die Religionsstifter unter ihnen, statt von vornherein „fertig“ zu sein, eine Phase intensiver Wahrheitssuche. Sie betrieben diese mit äußerster Konsequenz und Hingabe und gelangten offensichtlich zu dem — wenn auch für viele Außenstehende nicht nachvollziehbaren — Erreichen eines Ziels, nämlich einer tiefgreifenden, von Grunde auf erneuernden Erkenntnis oder „Einswerdung mit der Wahrheit bzw. mit Gott“.

Das heißt, keiner dieser Sucher war von Anbeginn an mit allen seinen später gewonnenen Einsichten ausgestattet (qua „göttlicher Herkunft“ etc.), er besaß jedoch eine von Anfang an wesentlich stärkere Bereitschaft, dem Ziel Vorrang vor den übrigen Lebensinteressen einzuräumen. Jeder von ihnen überstand „Versuchungen“, also Ablenkungen und Prüfungen, während derer er die Intensität der Hingabe an das Ziel beibehalten mußte, um nicht abzuirren.

Wir haben es hier mit der schier übermenschlichen alleinigen Verfolgung der Aufgabe zu tun. Nachdem diese Mystiker ihren WEG gegangen waren, machten sie sich daran, auch anderen, die nicht stark genug waren, die Suche in Einsamkeit auf sich zu nehmen, behilflich zu sein. Dies ist der Ursprung der spirituellen Mitteilung und Lehre. Hierdurch gelangen wir zu einer — selbstverständlich je nach Kultursphäre und Zeitepoche verschiedenen — Sprache zum Zwecke der Übermittlung und Leitung bei der Suche nach dem höheren Ziel.

Was bedeuten Begriffe wie „Gebet“, „Meditation“, was ist unter „Entsagung“, „Askese“ und „Ablösung“ zu verstehen? Was wiederum bedeuten die unterschiedlichen Auffassungen von „persönlichem Gottvater“, „Erleuchtung als spirituellem Zustand“, „Satori“ usw.? Versuchen wir, mit neueren, verständlichen Begriffen den offenkundig identischen Erfahrungen, um die es geht, auf den Grund zu kommen:

Was ist gemeint mit „Gott“ oder dem „Göttlichen“? Ziel war nicht, einer Vorstellung oder Projektion nachzugehen, sondern eine tiefere, dem Leben und dem Selbst innewohnende Wahrheit zu finden, und zwar nicht als Beantwortung einer Glaubenshypothese, sondern als direktes Erkennen einer ohne die Vermittlung eines Verstandes- und Denkprozesses erfahrenen Wahrheit. Um dieses Einswerden mit Wahrheit zu erfahren, war und ist es nötig, die eigene Begrenztheit zu transzendieren, also alles beiseite zu schieben, was zwischen mir und dieser Wahrheit steht. Das sind bei jedem Menschen sehr ähnliche Dinge:

Ein pausenlos arbeitender Verstand; ein ständiges Mit-sich-selbst-Beschäftigtsein; ein Sich-Kümmern um die eigene Wichtigkeit und ob diese auch von der Umwelt genügend gewürdigt wird. Ferner all unsere Wünsche, Begierden und Obsessionen, die uns offenbar zu Spielbällen ihrer Impulse werden lassen — sei es Geld, Sex, Berühmtheit, Erfolg oder Reichtum.
Jeder merkt, wie ihn diese Wünsche und das Hinterherjagen hinter diesen Zielen immer unglücklicher und unausgefüllter werden läßt, und im Grunde seines Herzens weiß auch jeder, daß es sich um vordergründige Dinge handelt angesichts der Tatsache des auf uns wartenden sicheren Todes, und doch fühlen wir uns zu schwach, ihnen Widerstand entgegenzustellen.

Um mit der Wahrheit eins zu werden, ist es also nötig, diese Hindernisse beiseite zu räumen und frei zu werden von der Gier und den Wunschmechanismen. Die Mitteilungen der genannten Personen enthalten die Kernaussage, daß dies möglich sei. Wir haben es offenbar mit Berichten von Menschen zu tun, denen es gelungen ist, dem Giermechanismus und der eigenen Begrenztheit durch Stolz und Eigendünkel zu entfliehen. Daraus kann geschlossen werden, daß es einen WEG zur Wahrheit gibt, und daß er erfolgreich begangen werden kann.

Einswerden mit der Wahrheit/mit Gott ist, um die besagten Mitteilungen in moderner Sprache wiederzugeben, die Erfahrung der Ablösung von falschen Identifikationen und das Einswerden mit dem Beobachter (Bewußtsein an sich). Von daher läßt sich auch das Verfolgen des WEGES der Ablösung verstehen: das Ziel ist die endgültige Befreiung von Verhaftungen und das Einswerden mit dem Selbst = Bewußtsein = 'Zeuge' = Gott.

Was ist der Zeuge? Es ist der Beobachter, der nicht identifiziert ist mit dem, was er beobachtet — es ist also das Einswerden mit reinem Bewußtsein. Und die Fähigkeit, in diesem Zustand der Bewußtheit zu verbleiben, statt sich von den Phänomen fesseln und aufsaugen zu lassen. Es ist Befreiung von der Macht, die Gier und Dünkel über einen ausüben, die Kräfte, die versuchen, uns aus dem gelösten, freien Zustand des Bewußtseins herauszuziehen und dazu verleiten, sich die Phänomene schnappen zu wollen.

Wer diesen Zustand erfährt, erfährt die zutiefst erfüllende Einsicht: „Alles, was du erlebst, bist nicht du. Denn du bist nicht, was du beobachtest, sondern der Beobachter.“

Dieser Zustand ist die eigentliche Freiheit und innere Ungebundenheit, die sich jeder Mensch zutiefst ersehnt. Mit ihm eins zu sein, bringt tiefen Frieden und das Ende allen Entfliehenwollens aus dem Augenblick mit sich. Es gibt keinen Konflikt mehr zwischen Ich und Welt, zwischen der Bedeutung der Situation und jeglichem Wunsch, wie diese beschaffen zu sein hätte.

Solches „Einswerden mit Wahrheit“ setzt die Fähigkeit voraus, alles zu beobachten, also auch die eigenen Gedanken, Gefühle und Impulse, also das eigene Ego, den eigenen Verstand, den trügerischen Bewerter, Macher, Planer und Kritiker in uns selbst.

Dies ist z.B. ein Resultat der Arbeit am Zen-Koan „Wer bin ich?“. Die Lösung kann das Einssein mit der Erfahrung bedeuten: „Ich bin nicht, was ich beobachte; ich bin nicht mein Körper; ich bin nicht meine Gedanken; usw….“ Es handelt sich um eine direkte Erfahrung, nicht um etwas durch einen geistigen Vorgang Vermitteltes. (In unserer intellektuellen Zeit, in der pausenlos Worte als Ersatz für Erfahrungen verwendet werden, kann dieser Punkt gar nicht genügend klar hervorgehoben werden!)

Hiermit lassen sich auch die Begriffe Entsagung, Askese neu entschlüsseln: Dabei handelt es sich um ein Nicht-Identifiziertsein mit den Wahrnehmungen der Sinne, im umfassenderen Verständnis ein Nicht-Identifiziertsein mit jeglichem von Gott oder reiner Wahrheit verschiedenem Bewußtseinsinhalt. Zu diesem Zweck versuchten westliche Mönche die Abtötung der Wünsche und Gelüste, und versuchten ganz ähnlich die östlichen Mönche das Abziehen ihrer Aufmerksamkeit von äußeren (und inneren) Ablenkungen durch Meditation.

Worin bestand oder besteht der Unterschied zwischen zuinnerst erfühlter (höherer) Wahrheit und (niedrigen) Interessen oder Eindrücken? Warum wurde die Vergrößerung dieses Unterschiedes so wichtig genommen, warum das Erlangen der inneren Schau als so wesentliches Ziel postuliert? In sämtlichen mystischen Traditionen wurde der Körper des Menschen nur als Vehikel betrachtet. Dieser Körper würde sterben; also könne er nicht das Ziel des Lebens sein. Das Bewußtsein ist in diesem Körper angesiedelt, aber es scheint nicht mit ihm identisch zu sein. Dies ist der Kern der mystischen Erfahrung, der gemeinsame Kern jener Erfahrungen, die die zuvor genannten Mystiker gemacht haben und auch sehr übereinstimmend mitteilen. Nun ist aber das Leben ein ständiges Abgelenkt-Werden. Das Bewußtsein versinkt in Sinneseindrücken, stärker aber noch in der Selbstbefangenheit des menschlichen Verstandes. Mit seiner Eigenliebe, seinem Stolz, seiner fantasierten eigenen Wichtigkeit und Bedeutsamkeit verstrickt sich der menschliche Verstand in einer Welt der Illusion, die ihn genau so von der Wahrheit ablenkt und seine Aufmerksamkeit mindestens ebenso okkupiert wie die unmittelbaren Sinneseindrücke.

Wenn heute vom „finsteren Mittelalter“ und den „lebensfeindlichen Auswüchsen des Mönchtums“ gesprochen wird, so ist damit meistens der Versuch zur Abtötung der sinnlichen Erfahrung gemeint. Zwar gab es damals sicher eine Reihe von fanatischen Suchern, die diesen Ansatz verabsolutierten und in ihrer Lebensführung zu extremen Konsequenzen trieben, aber wir sollten nicht vergessen, daß sich diese Auswüchse keineswegs im Rahmen dessen befanden, was von den Religionsstiftern als Leitlinie vorgegeben worden war.

Quellenforschung zeigt deutlich deren nüchternen Sinn: Sie stellten weit weniger unsere Sinneserfahrungen als Haupthindernis bei der Annäherung an die höhere Wahrheit dar, als vielmehr die Auswüchse des menschlichen Denkens und Fühlens: Selbstsucht, Eitelkeit, Neid, Haß, Geistesabwesenheit — also alle Formen der Unbewußtheit und der emotionalen Negativität. Konzentriert man sich auf die Essenz ihrer Übermittlung, so findet sich sogar heute noch ein praktischer WEG zur Schärfung des Bewußtseins: „Sei hier und jetzt wach; lebe bewußt; denke nicht über Irreales nach!“ — als praktische Aufmerksamkeit.

Und als zweiter wesentlicher Punkt: „Halte deine negativen Stimmungen im Zaum. Rede nicht lästerlich daher, sondern sei bescheiden und schweigsam!“ — also emotionale Reife statt vergiftender Gefühle und Sehnsüchte. Wo wir im Alltag Liebe ausüben statt Haß, wird Gewalt weniger, wird Bitterkeit weniger. Wo wir das Positive tun statt das Negative, leisten wir einen Beitrag zur Harmonisierung der Welt, statt zu ihrer Zerstörung. Dies sind die gemeinsamen praktischen Orientierungen aller Religionsformen. Entsagung ist also nicht die mönchische Lustverdammung, sondern ein Loslassen von Unbewußtheit und Unaufmerksamkeit.

Dem verwöhnten, auf Vergnügung orientierten modernen Menschen jedoch klingt dies heute allzu schnell nach Lebensverleugnung — was es jedoch gar nicht ist, sondern es ist das Gegenteil: Entdeckung der Echtheit des Lebens. Rückkehr ins bewußt erfahrene Hier und Jetzt löscht nicht Wahrnehmung aus — ganz im Gegenteil: Es verstärkt sie noch, es gibt dem Leben erst seine volle Würze wieder! Die Intensivierung der Lebensintensität, die der überdrüssige Kulturmensch so gierig ersehnt und erstrebt, meldet sich nach einer relativ kurzen Zeit der Ablösung seiner Gier, der „Enthaltsamkeit“, ganz von selbst; das heißt, das, was er zu bekommen sucht, bekommt er dann nicht, wenn er es fordert, und bekommt es genau dann, wenn er vom Fordern abläßt.

Und genau darin decken sich die Begriffe von West und Ost: Mit Askese und Ablösung ist überall im Kern dasselbe gemeint, und das Ziel ist innere Freiheit — denn in dem Maße, wie ein Mensch sein Bewußtsein löst von Verhaftungen, fühlt er sich frei, unabhängig, erfüllt von Freude und Dankbarkeit.

Trifft man in Bildern und Kunstwerken auf Darstellungen von Menschen, von denen es heißt, sie seien den WEG gegangen, so findet man diese oft mit einem Strahlenkranz umgeben. Überraschend ist, daß in völlig unterschiedlichen Kulturen, die unmöglich voneinander kopiert haben können — z.B. mittelalterliches Christentum und tibetischer Buddhismus — dennoch die „Heiligen“ bzw. „Buddhas“ in dieser Weise abgebildet worden sind. Es muß also eine ganz konkrete Wahrnehmung dahintergestanden sein, nämlich daß das Einswerden mit Wahrheit zu einem Von-innen-her-Leuchten solcher Personen führte.

In einem bemerkenswerten Detail unterscheiden sich jedoch die Darstellungen: Im Osten wird der ganze Körper mit dem Strahlenkranz umhüllt gezeigt, während es im Westen nur der Kopf ist. Womöglich steht das in Zusammenhang mit der Leib-Seele-Spaltung des Westens (Judentum und Christentum), wo der Leib nicht als Aspekt, sondern als Widerpart der vergöttlichten Seele betrachtet wird; im Osten wird diese Trennung als unplausibel angesehen, wie etwa die tantrischen Traditionen beweisen.

Teil 2

Gerd-Lothar Reschke 15.7.1997
Gerd-Lothar Reschke 30.04.2019 21:06 (einkopiert aus NR-Wiki)

1)
Näheres dazu findet sich im Beitrag G. I. Gurdjieff und der 4. Weg des Buches Schamane in Deutschland, I: Wirk-Gilde von Gerd-Lothar Reschke.
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kloester_in_west_und_ost_-_schulen_des_bewusstseins_1.txt · Zuletzt geändert: 4.03.2024-15:34 von gerdlothar

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